Über das Ende der alten analogen Schule und die Notwendigkeit einer neuen digitalen Bildung

Die unauf­halt­sa­me Kraft digi­ta­ler Ver­än­de­rung wird alle Lebens­be­rei­che ver­än­dern. Sie wird dabei nicht bei den ding­li­chen und gedank­li­chen Rela­tio­nen, Sys­te­men und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men halt machen, sie wird auch unse­re Wahr­neh­mung von Rea­li­tät ver­än­dern. Zuneh­mend wird die Wahr­neh­mung der Welt eine Fra­ge von per­sön­li­chen Ein­stel­lun­gen wer­den, men­ta­len aber vor allem auch tech­ni­schen Set­tings.

 

Human enhan­ce­ment, Gra­fik: Gün­ther Herr­ler

Digi­ta­le Tech­no­lo­gi­en erlau­ben bereits heu­te die Umset­zung radi­ka­ler Ide­en, die zwar bis dato denk­bar, aber eben nicht umsetz­bar waren. Man den­ke dabei z.B. an digi­tal erfol­gen­de  Simul­tan­über­set­zun­gen von Spra­che.

Tech­no­lo­gie­kon­zer­ne sind heu­te schon dazu in der Lage, mensch­li­ches Zusam­men­le­ben neu zu defi­nie­ren und dadurch tief­grei­fen­de Ver­än­de­run­gen in bis dahin kaum hin­ter­frag­ten Gege­ben­hei­ten zu kata­ly­sie­ren. Digi­ta­le Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sys­tem erlau­ben orts- und teil­wei­se auch zeit­un­ab­hän­gi­ges und frei zu gestal­ten­des Arbei­ten. Selbst­ge­steu­er­te Arbeits­ryth­men und die Aus­wahl der Arbeits­um­ge­bung sind durch cloud­ba­sier­te Diens­te bereits heu­te Rea­li­tät und ent­wi­ckeln sich zu einem selbst­ver­ständ­li­chen Stan­dard. Für die­se Art von Arbeits­welt wer­den ande­re Kom­pe­ten­zen benö­tigt als für die Arbeits­ver­hält­nis­se einer immer deut­li­cher ver­blas­sen­den ‘alten’ Welt.

Ein aus­ge­wähl­tes Bei­spiel für Ver­än­de­run­gen soll im Fol­gen­den kon­se­quent in die Zukunft gedacht wer­den: die Ent­wick­lung von Zugangs­tech­no­lo­gi­en, also Tech­no­lo­gi­en, die uns das Nut­zen digi­ta­ler Inhal­te und Tech­no­lo­gi­en ermög­li­chen. In einem letz­ten Schritt wird die Fra­ge nach den dar­aus fol­gen­den Kon­se­quen­zen für schu­li­sche Bil­dung gestellt.

Vom Smart­pho­ne Nut­zer zum Enhan­ced Human

Dass wir der­zeit das Smart­pho­ne als selbst­ver­ständ­li­ches und unver­zicht­ba­res Ele­ment unse­res Lebens betrach­ten, ist wohl nur ein ers­ter und und unvoll­stän­di­ger Schritt auf dem Weg in eine ver­än­der­te Rea­li­täts­wahr­neh­mung.

Die Erfah­rung zeigt, dass Men­schen sehr schnell und umfas­send Tech­no­lo­gi­en adap­tie­ren die prak­ti­sch, unter­halt­sam und erschwing­li­ch sind. Eine nahe­zu voll­stän­di­ge Aus­stat­tung der Bevöl­ke­rung Smart­pho­nes, zumin­dest in den Indus­trie­län­dern, ging inner­halb weni­ger Jah­re von­stat­ten. Und das, obwohl die­se Tech­nik hin­sicht­li­ch Bild­schirm­grö­ße, Akku­lauf­zeit und Bedien­bar­keit immer noch deut­li­che Defi­zi­te auf­weist, Defi­zi­te die wohl in der nächs­ten Gene­ra­ti­on digi­ta­ler Zugangs- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gie kei­ne Rol­le mehr spie­len wer­den.

Die Daten­bril­le hat mit dem Google-Glass-(PR-)Misserfolg wohl nur einen kur­zen Dämp­fer erhal­ten und wird wie­der­kom­men. Der­zeit arbei­ten meh­re­re Her­stel­ler an neu­en Daten­bril­len, die vor­he­ri­ge Model­le hin­sicht­li­ch tech­ni­scher Potenz, Ästhe­tik und Mas­sen­taug­lich­keit vor­aus­sicht­li­ch deut­li­ch über­tref­fen wer­de. Das Ergeb­nis ist ein Zugangs­ge­rät, das die Beschrän­kun­gen mensch­li­cher Wahr­neh­mung an vie­len Stel­len auf­hebt, die­se Wahr­neh­mung grund­le­gend ver­än­dert und neu defi­niert. Was bedeu­tet es für mensch­li­ches Ver­hal­ten und Wahr­neh­mung, wenn jeder­zeit alle opti­schen Ein­drü­cke (und in einem wei­te­ren Schritt akus­ti­schen Signa­le) ver­än­dert wer­den bzw. wei­te­re und ande­re Infor­ma­tio­nen ein- bzw. aus­ge­blen­det wer­den kön­nen? Wir befän­den uns dann auf dem Weg hin zu einem radi­ka­len, weil aktiv und bewusst kon­trol­lier­ba­ren Kon­struk­ti­vis­mus. Jedes Indi­vi­du­um wird zu einem ‘User’, der sei­ne Wahr­neh­mung nicht mehr nur durch Fan­ta­sie und selek­ti­ve Wahr­neh­mung, son­dern durch akti­ve Beein­flus­sung tech­ni­scher Ein­stel­lungs­reg­ler zur Steue­rung der Wahr­neh­mung kon­trol­liert: ‘Hier ein biss­chen mehr Son­ne, dort eine Per­son grund­sätz­li­ch aus­blen­den und stumm­schal­ten.’
Die dadurch zudem ent­ste­hen­de grund­sätz­li­che und stän­di­ge Zugäng­lich­keit von Infor­ma­tio­nen ist in die­sem Sze­na­rio ein eher kon­ven­tio­nel­ler Gedan­ke.

Aug­men­ted bzw. Vir­tual Rea­li­ty Wel­ten wer­den zugäng­li­ch sein, ohne die beschwer­li­chen Impli­ka­tio­nen der orts­ge­bun­de­nen, ana­lo­gen Rea­li­tät: Flü­ge die zu Jet­lags füh­ren, Unter­künf­te, die gebucht wer­den müs­sen, all­ge­mei­ne Kos­ten, die durch Rei­sen ent­ste­hen und vie­les mehr ent­fal­len, wenn die Welt zum Men­schen reist und nicht umge­kehrt.

Und nicht nur Rei­sen ist mög­li­ch, auch die Gestal­tung eines neu­en und viel inter­es­san­te­ren Ichs in vir­tu­el­len Umge­bun­gen, die ganz neue Her­aus­for­de­rungs­ebe­nen und  Betä­ti­gungs­chan­cen bie­ten, wird mög­li­ch und wohl auch sehr schnell erstre­bens­wert. Eine durch­aus ver­lo­cken­de Mög­lich­keit, nicht nur für die, die auf Grund von KI und Robo­tern ihre Arbeits­plät­ze ver­lie­ren wer­den.

Von hier aus fällt der nächs­te gedank­li­che Schritt nicht mehr son­der­li­ch schwer. War­um sol­len sich Men­schen Bril­len auf­set­zen und Audio­pods (die unter ande­rem dazu in der Lage sind, Gesprä­che in allen Spra­chen simul­tan zu über­set­zen) auf­set­zen bzw. in die Ohren ste­cken?

Unsicht­ba­re Reti­na- und Gehör­gangs­im­plan­ta­te sind die kon­se­quen­te Wei­ter­ent­wick­lung der skiz­zier­ten Tech­nik. Der Weg zu einer all­ge­mei­nen Akzep­tanz von Implan­ta­ten bzw. Ersatz­tei­len dürf­te wohl nach den oben beschrie­be­nen Schrit­ten geeb­net sein. Der vom Druck der geis­ti­gen und kör­per­li­chen Selbst­op­ti­mie­rung ent­ste­hen­de “Enhan­ced Human” (vgl. z.B. Pete Moo­re, Enhan­cing Me: The Hope and the Hype of Human Enhan­ce­ment) also der Men­sch mit tech­ni­schen Erwei­te­run­gen wird Rea­li­tät wer­den.  Die­se Art von Men­sch wird dazu in der Lage sein, sei­ne Fähig­kei­ten kogni­tiv wie phy­si­sch deut­li­ch aus­zu­wei­ten und damit die Beschrän­kun­gen von Kör­per und Geist zu umge­hen, wobei die­se Opti­mie­run­gen zunächst nichts mit klas­si­schen Lern­pro­zes­sen zu tun habe.

Ein Klas­sen­zim­mer vol­ler Enhan­ced Lear­ner?

Die ethi­schen Impli­ka­tio­nen der­ar­ti­ger Ent­wick­lun­gen sind augen­schein­li­ch. Was aber bedeu­ten sie für ande­re Berei­che des Lebens, wie etwa der schu­li­schen Bil­dung?

Stand heu­te berei­ten wir Kin­der und Jugend­li­che immer noch auf ein Leben in einer vom Den­ken der Indus­trie­zeit gepräg­ten Arbeits­welt vor, die, wenn man auf die Abläu­fe in moder­nen Fabrik­hal­len sieht, schon heu­te meist nur noch fik­tiv ist: Stan­dar­di­sier­tes Fak­ten­wis­sen das in vor­de­fi­nier­ten Zeit­fens­tern aus­wen­dig gelernt wird, um vor­be­stimm­te Selek­ti­ons­kri­te­ri­en zu erfül­len.

Da unver­bun­de­ne Fak­ten aber auch gewis­se Kul­tur­tech­ni­ken und Inhal­te des heu­ti­gen Bil­dungs­ka­nons, z.B. das Erler­nen von Fremd­spra­chen, ihren Wert als Gesell­schafts-Wäh­rung auf Grund von tech­ni­scher Sub­sti­tu­ier­bar­keit immer mehr ver­lie­ren wer­den, muss Schu­le sich radi­ka­ler und fun­da­men­ta­ler ver­än­dern, als das jemals seit Ein­füh­rung der Schul­pflicht der Fall war.

Dabei ist die Geschwin­dig­keit der Ver­än­de­rung von ent­schei­den­der Bedeu­tung. Digi­ta­le Dis­rup­ti­on fin­det expo­nen­ti­ell und nicht mehr line­ar, sie fin­det glo­bal und nicht mehr lokal statt. Ein abwar­ten­des Zögern in die­sem Zusam­men­hang wird dazu füh­ren, dass ein nahe­zu unein­hol­ba­rer Rück­stand ent­steht bzw. es zu einer Auf­tei­lung des Bil­dungs­we­sens in einen fort­schritt­li­chen und ein abge­häng­ten Teil kommt.

Da Algo­rith­men, KI und Robo­ter mensch­li­che Arbeit zunächst an allen Stel­len erset­zen wer­den, die in Ablauf­plä­nen mani­fes­tier­bar sind, wird es in kur­zer Zeit nur noch Stel­len geben, die krea­ti­ve, kom­mu­ni­ka­ti­ve, kri­ti­sche und sozia­le Inter­ak­ti­on erfor­dern —  alles Kom­pe­ten­zen, die wir der­zeit an unse­ren Schu­len zu wenig för­dern. Sie müs­sen in den Mit­tel­punkt aller päd­ago­gi­schen und didak­ti­schen Über­le­gun­gen gestellt wer­den. Statt­des­sen wird sehr oft noch Fak­ten­ak­ku­mu­la­ti­on in fest defi­nier­ten Prü­fungs­for­men und -zie­len ohne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten und mit einem Stift auf Papier abver­langt. In Zei­ten der digi­ta­len Revo­lu­ti­on ein Vor­gang, der hohes Frus­tra­ti­ons­po­ten­ti­al für alle Betei­lig­ten inne­hält.

Und jetzt?

Schu­le muss sich zunächst gedank­li­ch ver­än­dern: Weg vom Selbst­ver­ständ­nis als hier­ar­chi­sch orga­ni­sier­te und kom­mu­ni­zie­ren­de Behör­de mit einem fest­ge­füg­ten  Fächer­ka­non, der sich im Wesent­li­chen auf das Wis­sen der Ver­gan­gen­heit bezieht und die­ses über wei­te Stre­cken auch nicht ver­le­ben­di­gen kann.

Schu­le muss sich zudem räum­li­ch ver­än­dern: weg von den Ein­heits­grö­ßen und Orten.

Schu­le muss sich tech­ni­sch ver­än­dern: weg von zen­tra­li­sier­ten Ver­kün­dungs­me­di­en.

Schu­le muss sich per­so­nell ver­än­dern: weg vom Fak­ten­pau­ker hin zum Wis­sens­mo­de­ra­tor.

Und Schu­le muss sich medial ver­än­dern: Weg vom geschrie­be­nen Text als allein­se­lig­ma­chen­des Ele­ment.

Wenn man die Ver­bin­dungs­ge­schwin­dig­kei­ten von Schu­le kennt, kann man die­se For­de­run­gen als völ­lig unrea­lis­ti­sch abtun; viel­leicht ist aber jetzt gera­de der Zeit­punkt der ein sol­ch mas­si­ves und grund­sätz­li­ches Ver­än­de­rungs­pa­ket mög­li­ch macht. Der von der digi­ta­len Revo­lu­ti­on aus­ge­hen­de Ver­än­de­rungs­druck steigt, und schon bald wird Tech­nik und die damit ver­bun­de­nen Erwei­te­run­gen von Wahr­neh­mung und Fähig­kei­ten ein selbst­ver­ständ­li­cher und inte­gra­ler Teil unse­rer Selbst wer­den. Spä­tes­tens dann wird dem Letz­ten klar wer­den, dass unser der­zei­ti­ges Bil­dungs­sys­tem ein Ana­chro­nis­mus in Krei­destaub ist. 

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Ein Gedanke zu „Über das Ende der alten analogen Schule und die Notwendigkeit einer neuen digitalen Bildung

  1. Die digi­ta­li­sie­rung nimmt immer mehr zu und das soll­te auch spä­tes­tens im 21. Jahr­hun­dert das Bil­dungsys­tem mer­ken

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