Das gedruckte Wort: Zeichen göttlicher Weisheit und Elitenzugehörigkeit

Publizieren wissenschaftlicher Arbeiten — von den Grenzen des Analogen und den Potentialen des Digitalen.

Florian Sochatzy

Gera­de habe ich mei­ne Dok­tor­ar­beit mit dem Titel “Das mul­ti­me­dia­le Schul­buch (mBook) — von der Theo­rie in die Pra­xis:
Kon­zep­ti­on, Pro­duk­ti­on und empi­ri­sche Über­prü­fung eines mul­ti­me­dia­len Geschichts­schul­buchs” abge­schlos­sen.
Und jetzt ste­he ich, wel­ch imper­ti­nen­te ‘Über­ra­schung’, vor dem glei­chen Pro­blem wie Gene­ra­tio­nen von Dok­to­ran­den vor mir: ohne Publi­ka­ti­on kein schi­cker Titel.
Um die­se, den Dok­to­ran­den schwer belas­ten­de Tat­sa­che her­um hat sich in den letz­ten Jahr­zehn­ten eine Ver­lags­in­dus­trie gebil­det, die mit die­ser letz­ten Hür­de vor der wis­sen­schaft­li­chen Wei­he Geld ver­dient. Die Ange­bo­te rei­chen von renom­miert (De Gruy­ter etc.) bis belä­chelt (Shaker Ver­lag etc.). Der Ver­lag über­nimmt dabei Druck und Ver­trieb der Bücher. Soviel zu den Vor­tei­len.
Die Lis­te der Ein­schrän­kun­gen und Nach­tei­le die­ses Sys­tems liest sich (in der Regel) deut­li­ch län­ger.
Der Ver­lag
- küm­mert sich nicht um den Satz,
- führt kein Lek­to­rat durch,
- begut­ach­tet den Inhalt nicht,
- druckt nor­ma­ler­wei­se nur sehr klei­ne Auf­la­gen (um die 150 Stück),
- ver­langt einen hohen Druck­kos­ten­zu­schuss (etwa 1.000 – 4.000€),
- sichert sich exklu­si­ve Rech­te am Werk,
- führt kaum oder kei­ne Wer­be­maß­nah­men durch.
Also zusam­men­fas­send: Als Autor schreibt, setzt und redi­giert man, bezahlt dann einen vier­stel­li­gen Betrag, um dar­auf­hin so gut wie kei­ne Reich­wei­te oder Sicht­bar­keit zu bekom­men und muss im Anschluss (meist erfolg­los) bet­teln, wenn man einen Aus­zug sei­nes eige­nen Werks an einer ande­ren Stel­le ver­öf­fent­li­chen möch­te.
Da drängt sich die Fra­ge auf, war­um die­ses Sys­tem immer noch funk­tio­niert, und war­um nicht fast alle Dok­to­ran­den ihr Werk kos­ten­los (sogar mit einer Opti­on auf Gewinn statt garan­tier­tem Ver­lust), ein­fach, schnell und mit poten­ti­ell sehr hoher Reich­wei­te online publi­zie­ren.
Mei­ne Ant­wort dar­auf: ana­chro­nis­ti­sche Sen­ti­men­ta­li­tä­ten mit einer ordent­li­chen Pri­se Stan­des­dün­kel. Frei nach dem Mot­to: “Ich möch­te mein Werk aber im (meist sehr lieb­los gestal­te­ten) Umschlag eines renom­mier­ten Ver­lags sehen. Das hebt mein Pres­ti­ge als Wis­sen­schaft­ler”.
Die­se Ant­wort (und wel­ch ande­re Ant­wort könn­te es mit Bli­ck auf die Nach­tei­le son­st noch geben?) spie­gelt sehr deut­li­ch die Rück­stän­dig­keit unse­rer Bil­dungs- und Wis­sen­schafts­land­schaft wie­der. Nicht Inhal­te, son­dern die Tra­di­ti­on von Anstal­ten und die Abzei­chen von Eli­ten zeu­gen von ‘Qua­li­tät’.
Die oben beschrie­be­ne ‘Ver­öf­fent­li­chungs­stra­te­gie’ fin­det man auch bei der Publi­ka­ti­on von For­schungs­er­geb­nis­sen,  zum Bei­spiel in DFG-Pro­jek­ten etc.  Die Ergeb­nis­se sol­len nach Vor­ga­ben der Dritt­mit­tel­ge­ber oft­mals ohne Log­in und Kos­ten (Open Access) der All­ge­mein­heit zur Ver­fü­gung gestellt wer­den. Nichts leich­ter als das, wür­de man den­ken. Man lade die PDF oder das ePub ein­fach auf die Pro­jekt­sei­te und schon ist die Open-Access-Publi­ka­ti­on getä­tigt.
Alter­na­tiv könn­te man sich auch an einen Ver­lag wen­den, der dann in etwa fol­gen­de Argu­men­ta­ti­on vor­legt:
Wenn das Werk Open Access ange­bo­ten wer­den soll, dann ver­kau­fen wir natür­li­ch kaum mehr oder sogar kei­ne gedruck­ten Bücher mehr. Das bedeu­tet, dass der ‘Druck­kos­ten­zu­schuss’ noch ein­mal deut­li­ch höher aus­fal­len muss. Wir bie­ten dafür eine PDF auf der Sei­te unse­res Ver­la­ges, die lei­der einen deut­li­ch 4-stel­li­gen Betrag als ‘Druck­kos­ten­zu­schuss’ erfor­der­li­ch macht. Satz und Redak­ti­on sind selbst­ver­ständ­li­ch vom Auf­trag­ge­ber zu über­neh­men.”
Es bleibt zu hof­fen, dass die­se Logi­ken bald von allen Betei­lig­ten als das erkannt wer­den, was sie sind: teu­e­re und ana­chro­nis­ti­sche Denk­wei­sen aus einem ver­gan­ge­nem Jahr­tau­send.
Die durch ein Umden­ken frei wer­den­den Res­sour­cen könn­ten in einem wei­te­ren Schritt mög­li­cher­wei­se sogar sinn­voll für zum Bei­spiel wis­sen­schaft­li­che Nach­wuchs­för­de­rung genutzt wer­den.

 

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2 Gedanken zu „Publizieren wissenschaftlicher Arbeiten — von den Grenzen des Analogen und den Potentialen des Digitalen.

  1. Lie­ber Flo­ri­an,
    Du sprichst mir aus der See­le. Gera­de suchen wir für einen Tagungs­band nach einem Ver­lag, der hybrid print und Open Access publi­ziert. Der Ver­lag ist mir hier­bei vor allem wegen der Nach­hal­tig­keit des Ser­vers wich­tig, die wir bei der Tagungs­web­site nicht garan­tie­ren kön­nen — und wie oft schaut schon jemand auf die Sei­te einer Tagung, die irgend­wann mal statt­fand? Lei­der sieht es mit ver­lags­un­ab­hän­gi­gen Ser­vern für Kul­tur- und Geis­tes­wis­sen­schafts­pu­bli­ka­tio­nen eher mau aus. Auch hier könn­te man für die Nut­zung ja bezah­len, viel­leicht nicht unbe­dingt 4000 Euro inklu­si­ve Selbst­mar­ke­ting.. Mal davon abge­se­hen, dass ich PDF für völ­lig ver­al­tet hal­te und nicht geeig­net zum dis­ku­tie­ren und aus­tau­schen über die Inhal­te einer Publi­ka­ti­on. Aber was ist die Lösung? Ich weiß es nicht. Zumin­dest sind wir nicht allein 🙂
    Vie­le Grü­ße,
    Kris­tin

  2. Hal­lo Kris­tin,
    der Auf­bau ver­lags­un­ab­hän­gi­ger Ser­ver, die auch und vor allem For­ma­te aus­ser­halb jen­seits PDF (was spricht z.B. eigent­li­ch gegen HMTL?) unter­stüt­zen und sicher zur Ver­fü­gung stel­len wäre sicher­li­ch ein wich­ti­ger Schritt. Hier­für könn­te doch ein klei­ner Teil der Publi­ka­ti­ons-Sub­ven­tio­nen ver­wen­det wer­den.

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