Florian Sochatzy

Viele Menschen haben Angst davor, dass die digitale Realität  des 21. Jahrhunderts auch im bis dato vermeintlich geschützten Klassenzimmer ankommen könnte. Sie halten digitale Geräte für Vorboten seelenloser Roboterlehrer (J. Grossrath). Andere vertreten vehement die Auffassung „Bildschirmmedien  machen dick und unaufmerksam, senken die Leistung in der Schule und führen zu mehr Gewalt in der realen Welt (M. Spitzer).  Oder man befürchtet, dass die Umsetzung digitalen Lernens  im Unterricht aus technischen Gründen nicht realisierbar sei.

Um diesen Vorurteilen und Ängsten nachzugehen sind wir dorthin gegangen, wo diese Fragen täglich virulent sind: in eine Schule.
Die Realschule am Europakanal in Erlangen stellt  sich seit 2011 den digitalen Herausforderungen. Über 200 Schüler lernen dort mit Tablets. Die Zielsetzung des Tablet-Unterrichts beschreibt die Schule dabei so: „Wissen ist im Internet heute in vielfältigster Weise vorhanden. Man muss aber lernen, damit umzugehen, es zu strukturieren, zu analysieren und zu präsentieren. Um diese Kulturtechnik des 21. Jahrhunderts anzubahnen, muss die digitale Lebenswirklichkeit auch in der Schule ankommen. Das iPad bringt den Makrokosmos ‚Welt‘ in den Mikrokosmos ‚Schule‘! Wir wollen den mündigen Schüler, wir wollen den Schüler, der teamfähig ist, der präsentieren kann – immer auf der Basis eines soliden, nachhaltigen Grundwissens.“ (Homepage der Schule)

Wir durften in zwei Doppelstunden Geschichtsunterricht einer 8. und einer 10. Klasse hospitieren. Die Stundenthemen behandelten ‚Napoleon‘ sowie die  ‚Institutionen der EU‘.

Alle Schüler hatten in diesen Unterrichtsstunden ein iPad vor sich liegen. Die notwendigen Materialien wurden über einen öffentlichen Blog zur Verfügung gestellt. Die Lehrer wurden auf diese Weise zu Moderatoren eigenständiger Erkenntnisprozesse. In der Klasse wurde ein mit Apple TV verbundener Beamer genutzt. Die Schüler konnten damit jederzeit, vom eigenen Arbeitsplatz aus und technisch vollkommen problemlos ihre Ergebnisse vor der Klasse präsentieren. Diese Demokratisierung der Tafel bzw. des Beamers entspricht der gesamten Philosophie der Schule: Die digitale Technik wird dazu genutzt, effektiv und kreativ, kollaborativ, eigenverantwortlich und komptenzorientiert zu arbeiten.

Aber in der Praxis funktioniert das alles doch nicht?
Die technische Ausstattung in der Realschule am Europakanal ist schlank, nahezu unsichtbar und effektiv. Die Tablets gehören den Schülern und funktionieren laut Aussagen von Lehrern und Schülern seit vier Jahren problemlos. Technische Ausfälle sind sehr selten. Das WLAN ist stark, gut geschützt und intelligent aufgebaut (zu diesem Thema wird es in Kürze hier einen ausführlichen Bericht geben). Sowohl Lehrer als auch Schüler bestätigten, dass Zeitverlust durch technische Probleme eine absolute Ausnahme ist.

Missbrauch, Mobbing, Ablenkung?
Das Netz in der Schule ist mit Restriktionen belegt. Einige Seiten sind grundsätzlich gesperrt. Zudem wird das Surf-Verhalten der Schüler aufgezeichnet. Die Schüler wissen das. Sie halten sich an die Nutzervereinbarungen, die sie mit der Schule geschlossen haben. In den ersten vier Jahren  kam es nur zu einem Fall, der disziplinarisch geahndet werden  musste. Laut Aussage der Lehrer sind Probleme in den Nicht-Tablet-Klassen verbreiteter, da dort die Schüler deutlich unkontrollierter auf ihren Smartphones agieren.

Beispiele für gelungenes (digitales) Lernen
Einige  wenige Unterrichtsbeispiele aus den beiden Doppelstunden sollen kurz skizziert werden:

  • Erschließung von Karikaturen über die EU:
    Die Karikaturen finden sich im Blog. Mit Hilfe einer App versehen die Schüler einzelne Elemente der Karikaturen mit Kommentaren, weiteren Grafiken oder Videos. Mehrere Gruppen präsentieren im Anschluss ihre Ergebnisse vor der Klasse. Die Qualität der Beiträge ist erstaunlich hoch: Komplexe Themen, wie das derzeitige Flüchtlingsdrama im Mittelmeer, werden differenziert präsentiert und in der Klasse kontrovers diskutiert.
  • Erarbeitung des Konzepts asymmetrischer Kriegführung:
    Die Schüler ordnen Aussagen über ‚reguläre Truppen‘ und ‚Guerillakämpfer‘ auf einem ansprechend gestalteten Bild per drag and drop zu. Auf der einen Seite sind die Truppen Napoleons zu sehen, auf der anderen Seite portugiesische Guerilleros. Am Ende gibt das Programm eine Rückmeldung über die Richtigkeit der Zuordnung. Im anschließenden Unterrichtsgespräch wird das Konzept gefestigt, auf unterschiedliche Epochen bezogen und mit heutigen Kriegstaktiken verglichen.
  • Erschließung einer Infografik aus dem Jahr 1869:
    Die Schüler ziehen per drag and drop Aussagen über den Russlandfeldzug auf die Grafik. Dabei schulen sie ihr methodisches Wissen und erschließen sich eigenständig grundsätzliche Probleme und Fehlschläge des napoleonischen Russlandfeldzuges. Auch hier werden die Ergebnisse der jeweiligen Gruppen mittels Beamer präsentiert, abgeglichen und diskutiert.
    Ohne die Möglichkeit, in die Grafik zu zoomen und sie mit Informationen zu versehen, wäre die Grafik nicht sinnvoll im Unterricht einsetzbar.

Fazit:
Es gibt sie, die Schulen, die nicht von Bedenkenträgern,  sondern von visionären Praktikern geführt werden. Es ist möglich, Schule freier und anders zu denken. In Erlangen führt dieses neue Denken zu deutlich sicht- und wirksamer Schulentwicklung, die Auswirkungen auf das gesamte Schulleben hat: Abschaffung des Stunden-signals, Einführung des Doppelstundenprinzips, konsequente Nutzung von Fachräumen,  Arbeit an der papierlosen Klasse, Erweiterung des Angebots zu fachlich-methodischer Arbeit, Intensivierung und Demokratisierung der Unterrichts-kommunikation.

Digitale Technik alleine löst keine Probleme. Digitale Technik in Kombination mit einem innovativen schulischen Konzept, einer (fach-) didaktischen Hinterlegung und einer pädagogischen Begleitung hat hingegen dieses Potential.

Dabei unterstützt digitales Lernen eben nicht nur für den Erwerb von Medienkompetenz im Allgemeinen, sondern auch  hochwertige Lernprozesse in den jeweiligen Fächern.

Schließlich soll Markus Bölling, der Rektor der Realschule am Europakanal, abschließend das Wort haben. Er äußert sich zu den Themen Technik, digitaler Mehrwert, Sozialverträglichkeit, Content und politische Rahmenbedingungen:

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Digitales Lernen – Mit Schulen statt über Schulen sprechen
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10 thoughts on “Digitales Lernen – Mit Schulen statt über Schulen sprechen

  • Mai 23, 2015 bei 3:37 pm
    Permalink

    Ein toller Bericht und geniales Beispiel dafür, dass digitales Lernen bei richtiger didaktischer und methodischer Umsetzung wunderbar funktionieren kann.
    Außerdem ein klasse Schlusswort bzw. Interview mit dem sehr engagierten Schulleiter, der meiner Meinung nach die Weiterentwicklung seiner Schule und damit verbunden des digitalen Lernens mit einer realistischen Sicht angeht und so optimal vorantreibt.
    Ganz toll!!! Weiter so Realschule am Europakanal.
    Kurz zu meiner Person:
    Mein Name ist Sebastian Stoll, ich bin Reaschullehrer in Baden Württemberg und unterrichte seit diesem Schuljahr meine Klassen 9 und 10 nach dem Flipped Classroom Konzept, bei dem der Input (Lehrervortrag) in Form von Erklärvideos auf meine Homepage http://www.180grad-flip.de bzw. meinen YouTube – Kanal ausgelagert wird, um so im eigentlichen Unterricht mehr Zeit zur Vertiefung und Übung des Inhalts bzw. zur individuellen Betreuung einzelner Schüler hinsichtlich deren Schwächen, aber auch Stärken zu haben.

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  • Juli 22, 2015 bei 5:21 pm
    Permalink

    Hallo,

    zunächst einmal möchte ich sagen, dass ich das Programm der vorgestellten Schule ganz, ganz toll finde. Auch wenn es wie eine ausgelutsche Phrase klingt: JA, den Umgang mit den Digitalen Medien zu erlernen, ist unheimlich wichtig für die weitere Zukunft der Schülerinnen und Schüler. Und JA, das Digitale lediglich als Monster zu sehen, vor dem man das Klassenzimmer zu beschützen habe, bringt niemanden weiter.

    ABER: Zwischen den „Bedenkenträgern“, die Sie an dieser Stelle so schelten, und den „visionären Praktikern“ gibt es doch noch ein paar Zwischenstufen. Beziehungsweise: Nur weil ich Bedenkensträger bin – und das bin ich, obwohl und weil ich selbst 5 Jahre als Schüler in einer Laptopklasse war -, muss ich noch nicht dem Schema entsprechen, dass ich alles Digitale vom Unterricht verbannt haben möchte.

    Es gibt eben auch ein paar Probleme. Und die quasi durch mehr Kontrolle zu umgehen, finden ein paar Staaten supertoll, aber irgendwo hört die Kontrolle auch auf. Beziehungsweise muss ich mich irgendwann einmal fragen: Inwiefern verlagere ich die Probleme der SuS einfach nach außerhalb der Schule, wenn ich sie in der Schule selbst andauernd kontrolliere? Nur weil jetzt alle in der Schulzeit „kuschen“, muss das woanders nicht besser sein.

    Etwas vorsichtig wäre ich auch bei Aussagen aus dem Munde der Lehrkräfte. Dass es „kaum technische Probleme“ gibt, hat mein alter Schulleiter auch immer wieder beteuert. Vermutlich hatte er ein völlig anderes Verständnis von „kaum“ als ich. Oder er zählte halt das eine Mal, in dem mein Laptop fast ein Jahr lang in Reperatur war, auch wirklich nur als ein Mal.

    Schauen wir uns weiterhin an, wie „visionär“ die Visionäre da wirklich sind. Hier ist ohne falsche Scheu zu sagen: Auf jeden Fall schon wesentlich visionärer als ein Großteil der Kollegen und Kolleginnen. Keine Frage. Aber da geht schon noch mehr, auch und vielleicht gerade an einer Realschule. Internet, das ist etwas mehr als nur, dass man jetzt plötzlich auch Bilder anklicken oder ranzoomen kann. Internet, das ist jetzt auch selbst Medienprodukte entwickeln.

    Ansonsten frage ich mich auch etwas, wie man das selbst gesetzte Ziel, über iPads nun den Klassenraum mit der restlichen Welt zu verknüpfen, wirklich erreicht, indem man über iPads eigentlich nur auf digitale Klassenräume geht. Es war oben immer wieder die Rede von vorpräparierten Blogs usw. Natürlich, das ist eine gute Alernative und zumindest solange, wie es nicht mehr zugängliches, didaktisch aufbereitetes Material gibt, auch die oftmals einzige. Aber der Zwiespalt zwischen gesetztem Ziel und gewähltem Weg ist halt immer auch noch da.

    Wenn ich hier so viel Kritik äußere, darf das nicht so verstanden werden, dass ich das alles kritisch sehen würde. Die genannten Praxisbeispiele finde ich sogar sehr gut. Und ich denke fast, dass das produzentenorientierte Arbeiten im Internet hier nur nicht Thema war, weil die gesehenen Stunden gerade nicht dazu passten. Aber zwei Kritikpunkte bleiben eben dennoch und sollten vielleicht zuletzt noch einmal ergänzend zum Blogeintrag hier stehen:

    1. Die Kontrolle ist in einem gewissen Maß nötig. Allerdings ist es ein Fehler, unreflektiert zu behaupten, dass die Probleme derjenigen, die in ihrer gesamten Schulzeit kontrolliert werden, geringer seien als diejenigen, die nicht so stark kontrolliert werden. Eventuell äußern sie sich nur anders.

    2. Berichterstattungen derjenigen, die das Digitale eingeführt haben, werden immer häufiger auch etwas positiver sein, als es wohl den Wahrheiten entspricht. Das muss man mitdenken, wenn man den obigen Artikel liest.

  • Florian Sochatzy
    Juli 29, 2015 bei 10:03 am
    Permalink

    Vielen Dank für ihre Ergänzungen zum Thema.

  • Pingback: Dr. Hubertus Porschen – Experte für Digitalisierung, Start-Ups und InnovationenDer Einfluss der Digitalisierung auf das Lernen

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