Institut für digitales Lernen, digitale Bildung, digitales Schulbuch, mBook

Die gefährliche Ekstase der Realitätsverweigerung — eine Polemik

Marcus Ventzke

Autor: Marcus Ventzke

Digitalisierung als Chance zur Unterrichtsverbesserung wahrnehmen wollen - oder nicht?

Tablets im Unterricht allein bringen keine Verbesserung der Bildung. Wer mit digitalen Techniken unterrichten will, muss Inhalt, didaktisches Konzept und Technik zusammenführen. Daran arbeiten viele Leute in diesem Land. Wer sich im OER-Bereich umsieht, wer die Entwicklung des ersten multimedialen und digitalen Schulbuchs (mBook) in Deutschland verfolgt hat, wer die Arbeit mit Lernplattformen und mehrkanaligen Kommunikationsangeboten kennt, der weiß, wie intensiv Lehrer, Didaktiker, Bildungsforscher, Techniker und auch viele Bildungspolitiker an der Zukunft von Unterricht und Schule arbeiten. Wie schön wäre es, wenn es da ein wenig Zuspruch und Optimismus gäbe. Wenigstens Fairness wäre angebracht, auch und gerade von den Leuten, die für öffentliche Debatten in diesem Land beruflich Verantwortung tragen. Was wir jedoch oftmals sehen und lesen, hat nichts mit Optimismus und Fairness zu tun, denn es gibt Probleme. Und offenbar ist es zu reizvoll, diese Probleme für den sattsam bekannten Erregungsjournalismus auszunutzen. Journalisten tun das leider immer wieder, und sie ergehen sich dann mitunter in einem simplen Kritikastertum. Im letzten Cicero etwa wurde eine angebliche “Tablet-Ekstase der Schulpolitik” an den Pranger gestellt .

Digitalisierung der Bildung als journalistisches Thema
Abgesehen davon, dass man von Ekstase nun wirklich nicht sprechen kann, angesichts einer Handvoll Modell- und Testklassen, ist die Grundhaltung solcher Beiträge einfach nicht fair. Sicher funktioniert nicht alles reibungslos, sicher gibt es auch Gefahren. Aber, so sei erlaubt zu fragen: Wo gibt es Gefahren eigentlich nicht im Leben – digital wie analog? Auch bei Journalisten ist offenbar ein fundierterer Blick auf die spezifischen Nutzungsmöglichkeiten didaktisch und fachinhaltlich geformter Medien- und Digitalangebote nötig. Dazu reicht es übrigens nicht, den Abgeklärten zu geben, weil man einen Twitter-Account hat. Digitale und medienpädagogische Angebote im Unterricht haben inzwischen eben deutlich mehr zu bieten als einfach nur die Verbindung mit dem Internet herzustellen. Und daher ist es eben auch viel zu kurz gesprungen, im Ton des gelangweilten Besserwissertums pauschale Verurteilungen vorzunehmen. Der Ton stimmt gerade bei Herrn Füller nicht. Sein Beitrag kann von Lesern, die sich nicht jeden Tag im Kreise der Blog-Gemeinde bewegen, so verstanden werden, als gehe es ihm vor allem darum, das dumpfe Unwohlsein einer alternden Gesellschaft zu bedienen, für die das Internet “Neuland” (A. Merkel) ist. Wie werden wohl technikskeptische Kollegen an den Schulen reagieren, wenn sie solche Beiträge lesen?
Und wer hat eigentlich behauptet, dass die Digitalisierung eine Erlösung ist? Bei Schopenhauer kann man lernen, wie man argumentieren muss, um andere Leute in eine bestimmte Ecke zu stellen. Herrn Füllers Beweggründe, der gegen die angebliche "Tablet-Ekstase" anschreibt und Orwellsche Szenarien an die Wand malt, sind mir nicht bekannt. Füller interpretiert jedenfalls einen Beitrag der Bundestagsabgeordneten Saskia Esken zur digitalen Bildung in einer geradezu atemberaubend verdrehten Weise und unterstellt ihr dabei recht unverblümt Hybris, Karrierismus, Planlosigkeit. Doch abgesehen davon bleibt die Frage, was journalistisches Gewarne und Gemeckere in Sachen Digitalisierung mit den Herausforderungen zu tun hat, vor denen wir stehen?

Bildungsdiskurse als vergangenheitsbezogene Pseudo-Zukunft oder Vision des Neuen?
Bildung ist wie Fussball: Alle haben Ahnung, abends, auf dem Sofa sitzend, beim Bier. Alle sind Bundestrainer. Problematisch ist nur, dass sich fast alle Leute dabei zuerst immer auf die eigenen Schulerfahrungen beziehen, die nicht selten Jahrzehnte zurückliegen. Und weil Schule eben damals den Ziel- und Organisationsvorstellungen des Anstaltsstaats entsprach, wird im verklärenden Rückblick die ‘gute alte Zeit’ in die Gegenwart und Zukunft verlängert. Nach dem Motto: ‘Was damals gut war, kann heute nicht schlecht sein!’ Solche Einstellungen müssen wir mit Optimismus und Hinwendung verändern.
Wir können nämlich nicht so tun, als ließe sich die Zukunft auf der Grundlage von Fehlschlüssen  und Vorurteilen gewinnen. Kann sein, dass sich manche Meinungsmacher, Verbandsvertreter und sogenannte ‘Bildungsexperten’ nicht über den typisch deutschen Kirchturmhorizont erheben können. Frau Esken und der Bundestagsausschuss Digitale Agenda aber nehmen abseits und trotz dieser Kleingeisterei nicht nur den Reformwillen Humboldts auf, bei dessen ach so neumodischen Ideen das Establishment vor 200 Jahren auch geglaubt hat, der Untergang des Abendlandes müsse bevorstehen, die Leute in diesem Ausschuss wissen außerdem, was in den modernen Nationen dieser Welt in Sachen Bildung gerade läuft.

Deutscher Stillstand und internationale Entwicklungen
Eine in weiten Teilen uninformierte, bildungsferne und mitunter schlicht absurde Debatte, wie sie hier, im Land der Realitätsverweigerer, geführt wird, löst nicht nur in den Boom-Ländern Asiens, sondern auch in vielen unserer Nachbarländer Kopfschütteln aus. Man sehe sich die milliardenschweren Digitalisierungsprogramme in Südkorea oder der Türkei an. Man sehe auf das Bildungsprogramm in Polen, wo digitale Schulbücher in allen Fächern entwickelt werden etc. Bei uns aber glauben manche Diskutanten alles gesagt zu haben, wenn sie sich über eine ruckelnde Skype-Verbindung lustig machen können. Gewollt oder ungewollt leistet man damit genau jenen Ressentiments Vorschub, die – nur etwas plumper – mit dem Gerede von der “digitalen Demenz” (M. Spitzer) bedient werden.

Unausgesprochene Scheinargumente: die Verklärung der analogen Schule
Überdies: Ist denn die analoge Schule das Nonplusultra? Ist die Kompetenzorientierung analog erfolgreich? Kann die analoge Schule die Herausforderungen der Inklusion ohne technischen Fortschritt bewältigen? Ermöglichen wir denn den Erwerb “intelligenten Wissens” (F. E. Weinert), wenn wir darauf beharren, dass sich nichts ändern muss? Bekommen wir in der analogen Schule tatsächlich umfassend gebildete, kritikfähige, ergebnisorientierte, sozialkompetente, selbstorganisierte Leute, die Verantwortung tragen wollen und können? Mit solchen Fragen sind doch ganz schnell die  Lebenslügen des bisherigen Schulsystems markiert. Sei’s drum! In diesem Land haben die Verwalter das Sagen, diejenigen, für die Bildung etwas Statisches ist, diejenigen, die ihre ‘Bildung’ mit jenem gymnasialen Dünkel verteidigen wollen, mit dem sie sich schon seinerzeit, beim eigenen Schulbesuch in der  ‘Anstalt’, so wohlig vom Rest der Welt abgehoben haben. Das Resultat ist eine Stimmung des Stillstands, der Angst vor dem Neuen und der unqualifizierten Abwehr guter Ideen: Wir wollen um nichts in der Welt etwas ändern am frontal geführten Klassenverband, der in isolierten Räumen hockt, mit Tafel und Kreide hantiert, durch Fetzenstundenpläne gehetzt wird und den Normierungsvorstellungen des Industriezeitalters unterliegt.

Der Beitrag von Herrn Füller arbeitet an all diesen Themen nicht. Er ist lediglich selbstgerecht, unfair und verantwortungslos!

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12 Gedanken zu „Die gefährliche Ekstase der Realitätsverweigerung — eine Polemik

  1. Lie­ber Mar­cus
    Dan­ke für die­sen Bei­trag. Inter­es­sant auch Dein Satz:
    “Man sehe auf das Bil­dungs­pro­gramm in Polen, wo digi­ta­le Schul­bü­cher in allen Fächern ent­wi­ckelt wer­den etc. ”

    Da den­ke ich müs­sen wir auch die nor­we­gi­schen und eng­li­schen For­schungs­re­sul­ta­te berück­sich­ti­gen. Die­se sagen aus, dass Kin­der weni­ger gut ler­nen (Prü­fungs­re­sul­ta­te) wenn sie die Infos auf dem iPad oder PC lesen ver­gli­chen mit dem Buch.

    Ich fin­de Digi­ta­li­sie­rung wich­tig. Aber dann hät­te ich ger­ne wenn die Schü­ler viel­leicht ler­nen wür­den eine App zu pro­gram­mie­ren. Ob sie bes­ser schrei­ben ler­nen oder aber die Mate­rie wie Mathe­ma­tik dank e-Buch auf dem iPad bes­ser ver­ste­hen? Die For­schung sagt hier nein.

    Aber etwas Pro­gram­mie­ren hilft mehr lang­fri­sitg, als nur gute Sli­des auf Power­point erstel­len zu kön­nen.

    Dank
    Urs

  2. Lie­ber Mar­cus,
    vie­len Dank für den Bei­trag. Bil­dung ist mir wirk­li­ch eine Her­zens­an­ge­le­gen­heit. Auch beruf­li­ch habe ich hier ab und zu damit zu tun (indi­rekt durch Ver­la­ge) und ich dozie­re selbst an einer Uni.
    Ich habe nur immer mehr ein Gefühl: Egal wie moti­viert und ambi­tio­niert hier Leh­rer, Insti­tu­tio­nen, Minis­te­ri­en, usw. sein wer­den (und ich ken­ne eini­ge und habe den größ­ten Respekt vor Ihnen), ich bin davon über­zeugt, dass man hier längst auf ver­lo­re­nem Pos­ten steht. In der heu­ti­gen Zeit, mit all ihren sich sooo rasch ändern­den Rah­men­be­din­gun­gen und Anfor­de­run­gen, wird unser aktu­el­les Sys­tem (zen­tral erstell­te Lehr­plä­ne, Prü­fung, Zulas­sung, usw.) jemals mit der Rea­li­tät ‘schritt hal­ten’ kön­nen.
    Natür­li­ch habe ich kei­ne (in unse­ren Brei­ten­gra­den rea­lis­ti­sch umsetz­ba­re) Lösung dafür im Kopf. Nur an Boden auf­ho­len wer­den wir wohl, mit die­sem Sys­tem, nie mehr.
    Ich bin hier zu 100% dei­ner Mei­nung wenn es dar­um geht am aktu­el­len Sys­tem zu arbei­ten. Aber es ist das aktu­el­le Sys­tem, dass das Pro­blem ist. Am Ende wird jeder noch so genia­le Ansatz in die beschränk­ten Rah­men­be­din­gun­gen des aktu­el­len Sys­tems gezwängt und ver­liert dadurch den Groß­teil sei­nes Poten­ti­als.
    Nichts desto trotz.…man muss ja wei­ter machen 🙂 Cha­peau!

  3. Lie­ber Roman,
    in Schil­lers Brie­fen zur ästhe­ti­schen Erzie­hung des Men­schen gibt es das schö­ne Bild des unter vol­len Segeln ste­hen­den Schif­fes auf offe­nem Meer, das wir in vol­ler Fahrt umbau­en müs­sen. Auf­ste­cken ist kei­ne Opti­on. Übri­gens ist unse­re Erfah­rung, dass vie­le Kol­le­gen vor Ort schon an vie­len neu­en Her­an­ge­hens­wei­sen arbei­ten. Es kann funk­tio­nie­ren, mit sol­chen Leu­ten im engen Kon­takt und gut ver­netzt vor Ort zu arbei­ten.
    An Sys­tem­fra­gen, die immer auch mit Ver­wal­tungs- und poli­ti­schen Fra­gen zu tun haben, müs­sen wir alle in kon­zen­trier­ter, offe­ner und sach­zu­ge­wand­ter Spra­che arbei­ten, gera­de auch öffent­li­ch. Schu­le muss dabei selbst zur Spra­che kom­men. Es reden zu vie­le Leu­te über Schu­le statt mit Schu­le.

  4. Lie­ber Mar­cus, dan­ke für dein Feed­back.

    Ja, Auf­ste­cken ist kei­ne Opti­on!
    Ja, vie­le Kol­le­gen arbei­ten an neu­en Her­an­ge­hens­wei­sen!

    Alles kei­ne Fra­ge, den­no­ch bezweif­le ich das jemals, sol­ch ein poli­ti­sch und ver­wal­tungs­tech­ni­sch auf­wän­di­ges Sys­tem wie­der up to date Bil­dung (über Grund­wis­sen hin­aus) lie­fern kann.

    Ja, es reden zu vie­le Leu­te über Schu­le statt mit Schu­le. Daher dozie­re ich auch. Aber das vol­le Poten­ti­al kann ich inner­halb der mir gege­be­nen Rah­men­be­din­gun­gen des Sys­tems nie voll ent­fal­ten. Sogar wenn die Schul­lei­tung selbst alles zulässt. Das Sys­tem tut es nicht und kann es auch nicht.
    Glau­be ich bis­her jeden­falls. Viel­leicht straft mich die Zukunft ja lügen. Wäre GEIL!

  5. Lie­ber Mar­cus,

    ich kann die­sem Arti­kel nichts hin­zu­fü­gen außer viel­leicht: Applaus. 

    Was wir jetzt brau­chen sind muti­ge Leh­rer und Leh­re­rin­nen, die ihre Vor­bild­funk­ti­on ernst­neh­men und sich der Digi­ta­li­sie­rung stel­len — im Dia­log mit ihren Schü­lern und Schü­le­rin­nen. Vor­bil­der, die mit ihrer Moti­va­ti­on und ihrer Lei­den­schaft Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen anste­cken kön­nen und das Feld qua­si von unten auf­rol­len. Ich glau­be nicht an staat­li­ch ver­ord­ne­te Pro­gram­me und Pro­jek­te, da hier oft­mals am Schul­all­tag vor­bei­ge­plant wird. Wie du bereits erwähnt hast: mit der Schu­le statt über die Schu­le spre­chen.

    Dan­ke für den Arti­kel!

  6. sg herr vent­z­ke,
    mer­ci für ihre schmis­si­gen bei­trag, aber das war wohl nicht die ant­wort auf mei­nen text gewe­sen sein. wenn doch, sol­len sie gel­gent­li­ch noch ein­mal nach­le­sen, was in mei­nem bei­trat eigent­li­ch steht: ja, es ist rich­tig, die schu­len durch ein­füh­ren digi­ta­len ler­nens via tablets, apps, wikis etc für das 21. jhd fit zu machen. ja, das lernen2.0 schafft exzel­len­te mög­lich­kei­ten des koope­ra­ti­ven und indi­vi­du­el­len ler­nens. ich lie­fe­re sogar bei­spie­le wie das lern­lab, das ich zusam­men mit jens groß­piet­sch, jas­min gül­land, and­re spang, tors­ten lar­big, renee schepp­ler u.a. ver­an­stal­tet habe und bei dem die bes­ten tablet­leh­rer im pra­xis­test mit tablets etc arbei­te­ten. mein the­ma war also nicht, das lernen2.0 zu ver­hin­dern und das ana­lo­ge ler­nen zu loben, son­dern die­ses hier: “Es geht [mir], ers­tens, um den Ton, den Frau Esken anschlägt. Und zwei­tens noch­mal um den Ton der Abge­ord­ne­ten.” es wun­dert mich frei­li­ch nicht, dass sie das über­le­sen haben — sie sind ja par­tei, gen­au wie mar­tin lind­ner wie vie­le ande­re, die sich in die­ser debat­te zu wort mel­den. ihr job ist es, das digi­ta­le ler­nen zu loben und zu prei­sen, es mög­lichst schnell ein­zu­füh­ren. sie wer­den qua­si dafür bezahlt, die unüber­seh­ba­ren pro­ble­me, die es dabei gibt, geflis­sent­li­ch zu über­se­hen. mein job als jour­na­list ist es, die­sen pro­zess kri­ti­sch zu beglei­ten, und des­we­gen herr vent­z­ke ver­wen­de ich mög­lichst wenig zeit mit dem lesen kri­tik­lo­ser pro­pa­gan­da-tex­te, son­dern hal­te mich in schu­len und im unter­richt auf, um zu sehen, ob und wie digi­ta­les ler­nen funk­tio­nie­ren kann. soll­ten sie auch machen. ist total inter­es­sant! sehen sie chan­cen und neben­wir­kun­gen und wis­sen hin­ter bes­ser bescheid.
    herz­li­che grü­ße an die katho­li­sche uni eich­stätt
    bes­te grü­ße
    chris­ti­an fül­ler

  7. Ich muss vor­aus­schi­cken, dass ich selbst 20 Jah­re lang mit dem Com­pu­ter in der Schu­le unter­rich­tet habe, davon über 10 Jah­re aus­schließ­li­ch mit dem Com­pu­ter, und das an einem stink­nor­ma­len deut­schen Gym­na­si­um, des­sen Schul­lei­tung und Kol­le­gi­um in der gro­ßen Mehr­heit mit Com­pu­tern mehr oder weni­ger nix am Hut hat­te, oft genug im Gegen­teil. Ich selbst habe das ers­te digi­ta­le Schul­buch für Geschich­te im deutsch­spra­chi­gen Raum ent­wi­ckelt. Es heißt “GESCHICHTE AlS DENKFACH – Das digi­ta­le Lehr­buch des Geschichts­zen­trums”.

    http://www.geschichtszentrum-shop.com.de/epages/64720669.mobile/?ObjectPath=/Shops/64720669

    Mir braucht also kei­ner etwas über die Not­wen­dig­keit der Digi­ta­li­sie­rung zu erzäh­len.

    Jetzt sto­ße ich auf den Arti­kel “DIE GEFÄHRLICHE EKSTASE DER REALITÄTSVERWEIGERUNGEINE POLEMIK” von Mar­cus Vent­z­ke und lese fol­gen­de Sät­ze:

    Bekom­men wir in der ana­lo­gen Schu­le tat­säch­li­ch umfas­send gebil­de­te, kri­tik­fä­hi­ge, ergeb­nis­ori­en­tier­te, sozi­al­kom­pe­ten­te, selbst­or­ga­ni­sier­te Leu­te, die Ver­ant­wor­tung tra­gen wol­len und kön­nen? Mit sol­chen Fra­gen sind doch ganz schnell die Lebens­lü­gen des bis­he­ri­gen Schul­sys­tems mar­kiert. Sei’s drum! In die­sem Land haben die Ver­wal­ter das Sagen, die­je­ni­gen, für die Bil­dung etwas Sta­ti­sches ist, die­je­ni­gen, die ihre ‘Bil­dung’ mit jenem gym­na­sia­len Dün­kel ver­tei­di­gen wol­len, mit dem sie sich schon sei­ner­zeit, beim eige­nen Schul­be­su­ch in der ‘Anstalt’, so woh­lig vom Rest der Welt abge­ho­ben haben. Das Resul­tat ist eine Stim­mung des Still­stands, der Angst vor dem Neu­en und der unqua­li­fi­zier­ten Abwehr guter Ide­en: Wir wol­len um nichts in der Welt etwas ändern am fron­tal geführ­ten Klas­sen­ver­band, der in iso­lier­ten Räu­men hockt, mit Tafel und Krei­de han­tiert, durch Fet­zen­stun­den­plä­ne gehetzt wird und den Nor­mie­rungs­vor­stel­lun­gen des Indus­trie­zeit­al­ters unter­liegt.”

    Da ist er wie­der, der Popanz von der deut­schen Schu­le mit dem fron­tal geführ­ten Klas­sen­ver­band, der mit Tafel und Krei­de han­tiert, etc. pp., die weder umfas­send gebil­de­te, kri­tik­fä­hi­ge, ergeb­nis­ori­en­tier­te, sozi­al­kom­pe­ten­te, noch selbst­or­ga­ni­sier­te Leu­te, die Ver­ant­wor­tung tra­gen wol­len und kön­nen?

    Mir scheint, die­ses Zerr­bild der aktu­el­len Schu­le ist die Lebens­lü­ge all der eupho­ri­schen digi­ta­len Akti­vis­ten im Sti­le von Mar­cus Vent­z­ke, und die beherr­schen das Feld im Inter­net lei­der total, mei­nes Erach­tens sehr zum Scha­den der digi­ta­len Sache. 

    War­um soll die aktu­el­le Schu­le kei­ne umfas­send gebil­de­ten, kri­tik­fä­hi­gen, ergeb­nis­ori­en­tier­te, sozi­al­kom­pe­ten­ten, selbst­or­ga­ni­sier­ten Leu­te, die Ver­ant­wor­tung tra­gen wol­len, her­vor­brin­gen kön­nen? Ich ken­ne Leu­te, die SOL (Selbst Orga­ni­sier­tes Ler­nen) seit über 15 Jah­ren mit Erfolg prak­ti­zie­ren, und zwar ohne Com­pu­ter.

    Sol­che Kol­le­gen wer­den erfolg­reich ver­k­rätzt, wenn man ihnen mit dem schu­li­schen Zerr­bild der Digi­tal­pro­phe­ten kommt. Und nicht nur die­se, son­dern auch vie­le ande­re Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, die gute Arbeit auch ohne Com­pu­ter leis­ten.

    Der Punkt ist näm­li­ch nicht, dass ohne Com­pu­ter nichts oder nichts mehr geht, son­dern dass MIT Com­pu­ter alles genauso gut, aber vie­les ent­schie­den bes­ser und man­ches über­haupt erst geht. Wer in der Schu­le digi­ta­le Ver­än­de­rung will, soll­te die­se Bot­schaft rüber­brin­gen, statt die Leh­rer und Leh­re­rin­nen her­ab­zu­set­zen und als blöd hin­zu­stel­len.

    Statt Leh­rer­schel­te und Schul­schel­te soll­ten ver­än­de­rungs­wil­li­ge Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen in den Stand gesetzt wer­den, indi­vi­du­el­le Ver­än­de­run­gen durch­zu­füh­ren. Die Mög­lich­kei­ten hier­zu lau­fen mei­ner Mei­nung nach über WLAN (in weni­gen Jah­ren auch über ver­brei­te­te Bil­lig­ta­ri­fe), über Cloud­com­pu­ting, über strik­te Ver­wen­dung von Stan­dard­pro­gram­men und Stan­dard­for­ma­ten, über die Bereit­stel­lung digi­ta­ler Mate­ria­len und über die Umge­hung ver­al­te­ter Struk­tu­ren via Inter­net, um eini­ge grund­le­gen­de Fak­to­ren zu nen­nen.

  8. Sehr geehr­ter Herr Fül­ler,
    vie­len Dank für Ihre Ant­wort, über deren Inhal­te und Wir­kun­gen ich nur posi­tiv den­ken kann. Die Schmis­sig­keit hat mich ein wenig schmun­zeln las­sen, ich neh­me die­se Cha­rak­te­ri­sie­rung aber mal als Kom­pli­ment. Tat­säch­li­ch sehe ich in den öffent­li­chen Wort­mel­dun­gen mit­un­ter eine unfai­re ‘Kampf­ord­nung’: Vie­le selbst­be­ru­fe­ne Exper­ten reden zum The­ma Schul­bil­dung, kaum einer mag sich aber in die ‘Nie­de­run­gen’ all­täg­li­cher schu­li­scher Arbeit bege­ben. Und so wird zu oft über Schu­len gespro­chen. Reden wir mit Schu­len!
    Ich habe den Ten­or Ihres Bei­trags auf­ge­grif­fen und der ist mir eben zu ableh­nend. “Schlep­pen­trä­ger” gibt es über­all. Und Gefah­ren sind auch immer vor­han­den. Das kann nicht ernst­haft Ihr zen­tra­les Argu­ment sein. Da ich Leh­rer bin, kön­nen Sie davon aus­ge­hen, dass ich die Pro­ble­me mit der digi­ta­len Tech­nik in Schu­len — wie auch vie­le ande­re Pro­ble­me — sehr gut ken­ne. Und da sind wir eben am Punkt mei­nes Ein­wurfs. Sie stel­len die Sach­ver­hal­te so dar, als müss­ten gera­de Schu­len über die Pro­ble­me auf­ge­klärt und vor Gefah­ren gewarnt wer­den. Ich möch­te hin­ge­gen dar­auf ver­wei­sen, dass Leh­rer jeden Tag und oft­mals unter ver­dammt schwie­ri­gen Umstän­den an vie­len Pro­ble­men arbei­ten, auch an denen mit der digi­ta­len Tech­nik. Ver­su­chen Sie mal Unter­richt zu machen, wenn 25 Schü­ler ihre ange­schal­te­ten Smart­pho­nes mit sich her­um­tra­gen. 🙂 Leh­rer kön­nen sol­chen Pro­ble­men — im Gegen­satz zu Leu­ten, die sich nur kur­so­ri­sch mit dem hoch­kom­ple­xen Orga­nis­mus Schu­le befas­sen — nicht aus­wei­chen. Die Gesell­schaft hat sich ja doch ange­wöhnt, alle Pro­ble­me, denen sie ansons­ten gern aus­weicht, am Schul­tor abzu­ge­ben: Dro­gen­miss­brauch, Sek­ten-Auf­klä­rung, Auto­ag­gres­si­vi­tät, sexu­el­le Selbst­be­stim­mung, Kon­sum­ver­hal­ten und die stän­di­ge Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Inter­net und sozia­len Netz­wer­ken gehö­ren doch jetzt schon zum — nicht zuletzt von Jour­na­lis­ten oft­mals auf­ge­regt ange­mahn­ten — Tätig­keits­spek­trum von Leh­rern. Oder etwa nicht? Vie­le Schu­len arbei­ten auch inten­siv an medi­en­päd­ago­gi­schen Kon­zep­ten, die die Benut­zung bestimm­ter Inter­net­an­ge­bo­te regu­lie­ren. Das lässt sich ja tech­ni­sch machen. Unser Ansatz im Insti­tut für digi­ta­les Ler­nen ver­folgt die viel stär­ke­re Ver­bin­dung all­ge­mei­ner medi­en­päd­ago­gi­scher Kom­pe­ten­zen mit der fach­li­chen Arbeit. Das mBook ist in die­sem Bereich schon jetzt als Erfolg zu bezeich­nen, denn sein Ein­satz hat auch Wir­kun­gen auf Schul­ent­wick­lung und Schul­kom­mu­ni­ka­ti­on ins­ge­samt. Schau­en Sie mal nach NRW! Dort wird das mBook im Unter­richt ein­ge­setzt. Reden Sie viel mehr mit Leh­rern vor Ort! Da gibt es viel zu ent­de­cken. U.a. die Kol­le­gen der Medi­en­be­ra­tung NRW könn­ten Ihnen berich­ten. Und viel­leicht wür­de es dann auch etwas schwe­rer fal­len, das The­ma digi­ta­les Ler­nen ein­fach durch einen Lob­by­is­mus-Fil­ter zu pres­sen, der am Ende alles dar­auf redu­ziert, dass auf der einen Sei­te die Indus­trie Gerä­te ver­kau­fen will und Leh­rer auf der ande­ren Sei­te ja ohne­hin Trot­tel sind, die alles mit­ma­chen. Neh­men Sie die vie­len, hoch­in­ter­es­san­ten und inno­va­ti­ven Debat­ten auf, die im Bezie­hungs­ge­flecht von Leh­rern, Wei­ter­bild­nern, Medi­en­be­ra­tern und Schul­ver­wal­tun­gen statt­fin­den! Das wür­de Sie viel­leicht davon über­zeu­gen, dass die Vor­stel­lung schlicht fal­sch ist, wir könn­ten in den Schu­len als Mit­ar­bei­ter des Insti­tuts für digi­ta­les Ler­nen oder der Uni­ver­si­tät ein­fach so auf­tau­chen, digi­ta­les Ler­nen “loben” und “prei­sen”, mit einem Tablet win­ken und alle Kol­le­gen damit in Eksta­se ver­set­zen.
    Und wenn Frau Esken bei Ihnen wirk­li­ch zu Wort käme, dann könn­ten Sie sicher auch von ihr den Satz hören, dass Tech­nik allein nicht den Gewinn im Unter­richt bringt. Die folg­li­ch also drin­gend gesuch­ten neu­en Wege der Didak­tik im digi­ta­len Zeit­al­ter müs­sen wir mit Geduld und Fan­ta­sie kon­zi­pie­ren und dis­ku­tie­ren — auch und gera­de mit Kol­le­gen, die skep­ti­sch sind. Ich fin­de, von die­ser Ver­ant­wor­tung kön­nen auch Sie sich nicht frei­spre­chen. Eine kri­ti­sche Hal­tung steht dazu nicht im Gegen­satz.
    Übri­gens wer­de ich nicht für die Ein­füh­rung der digi­ta­len Tech­nik bezahlt, son­dern für For­schung. Und als Wis­sen­schaft­ler und Leh­rer ergrei­fe ich Par­tei für guten Unter­richt. Wol­len Sie Anspie­lun­gen die­ser Art bei jedem Kol­le­gen vor­tra­gen, der sich für die Anschaf­fung eines bestimm­ten Schul­buchs ent­schei­det, der einen Over­head-Pro­jek­tor kauft oder einen Ver­trag mit einem Bus­un­ter­neh­men für die nächs­te Klas­sen­fahrt schließt?
    Fazit: Ich möch­te aus­drück­li­ch, dass Sie Ent­wick­lun­gen kri­ti­sch beglei­ten und war­te gespannt dar­auf!
    Ich grü­ße Sie herz­li­ch vom Insti­tut für digi­ta­les Ler­nen und der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät Eich­stätt-Ingol­stadt! Übri­gens bin ich evan­ge­li­sch-luthe­ri­sch. Frau Tad­di­ken in der Leip­zi­ger Tho­mas­kir­che ist mei­ne Pas­to­rin. 🙂
    Ihr
    Mar­cus Vent­z­ke

  9. Hal­lo Herr Curr­lin,
    da haben Sie mich miss­ver­stan­den. Ich möch­te Leh­rer eben gera­de gegen eine unqua­li­fi­zier­te Schel­te in Schutz neh­men. Und guten Unter­richt kann man natür­li­ch auch mit Krei­de und Wand­ta­fel machen. Wir sind uns einig, dass es auf die Ver­bin­dung von didak­ti­schem Kon­zept, Inhalt und gezielt ein­ge­setz­ter Tech­nik ankommt. In die­sem Sin­ne: wei­ter­kämp­fen! Dazu gehört auch immer ein biss­chen Eupho­rie, fin­de ich. 🙂

  10. Hal­lo Mar­cus,
    dan­ke für Dei­ne noch sehr zar­ten Worte für den Zustand unse­res Lan­des.
    Der Lob­by­is­mus regiert. Das pro­fit­ori­en­tier­te Den­ken ist mit G8 und dem ver­schul­ten Stu­die­ren rich­tig auf die Nase gefal­len; der Breit­band­aus­bau redet von 2030; die Mobil­bran­che nennt 500 MB eine Flat­rate (woan­ders sind das 50 GB); der klei­ne Mann zahlt in die Kran­ken­kas­se ein, soli­da­ri­sch, wäh­rend Ärz­te, Rechts­an­wäl­te usw. eige­ne, wohl­be­hü­te­te Sys­te­me haben; Inklu­si­on soll es zum Null­ta­rif geben; die Indus­trie 4.0 braucht sowie­so nur noch die wenigs­ten von uns, jeden­falls nicht den ehe­ma­li­gen Haupt­schü­ler und “drun­ter.” Wenn wir als Gesell­schaft exis­tent blei­ben wol­len, brau­chen wir eine ande­re Aus­rich­tung. Ganz beson­ders in der Schu­le. Däne­mark bekommt das z. B. hin. VUC SYD, eine neue Schu­le in Har­ders­lev (http://www.youtube.com/watch?v=K8IntVvZgLA).
    LG Frie­del Koch

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