Das mBook Gemeinsames Lernen – Inklusion im Unterricht konkret gestalten

von Marcus Ventzke, Johannes Grapentin und Florian Sochatzy

Marcus Ventzke Johannes Grapentin Florian Sochatzy

Ausgangspunkt mBook Geschichte NRW

Das mBook Geschichte für Nordrhein-Westfalen wird seit 2014 zunächst im Rahmen eines Entwicklungs- und Forschungsprojekts mit der Medienberatung NRW an etwa 40 Projektschulen eingesetzt. Dieses mit finanzieller Unterstützung des Landes NRW entwickelte mBook der ersten Generation verdeutlichte, dass sich Digitalisierung von Unterrichtsmitteln nicht in der Darstellung des Analogen mit digitalen Mitteln erschöpfen kann (gedruckte Schulbücher als PDFs). Derartige Digitalisate ändern nämlich an den gängigen Konventionen des Unterrichtens, der Kommunikation zwischen den am Lernprozess Beteiligten und der Schulorganisation als solcher nichts.

Mit Blick auf die Potentiale digitaler Technik kann und muss eine tatsächliche Digitalisierung des Lernens jedoch viel mehr sein: Sie führt zu grundlegenden Veränderungen des Verständnisses von Erkenntnisprozessen und wie sie zu organisieren sind, weil digitale und multimediale Techniken fachmethodische Arbeitsprozesse vertiefen und erweitern, weil sie bislang unmögliche oder unbekannte Kommunikationsmöglichkeiten eröffnen und – nicht zuletzt – weil sie viele der lange bekannten, praktisch jedoch nie angemessen umgesetzten didaktischen Herausforderungen aufgreifen und sie mit unterrichtstauglichen Realisierungsmöglichkeiten versehen.

Zu diesen Herausforderungen zählen auch Diversität und Inklusion. Inklusiver Unterricht für Schülerinnen und Schüler aller Herkünfte, kulturellen Prägungen und Anlagen ist das zentrale Paradigma einer modernen Schulentwicklung. Es umfasst nicht nur den Anspruch, den gesellschaftlichen Reichtum an Fähigkeiten, Sichtweisen und Interessen abzubilden, sondern möchte die damit verbundene Diversität auch zur Grundlage einer demokratischen und chancenbewussten Schul- und Unterrichtskultur machen. ‚Abweichungen’ werden dabei nicht vor allem als Problem, sondern als Gestaltungsaufgabe wahrgenommen. Auf der Grundlage des ersten mBooks für den Geschichtsunterricht, das inzwischen als geprüftes Lehrmittel für den Unterricht des Landes zugelassen ist, hat das Institut für digitales Lernen nunmehr das mBook Gemeinsames Lernen entwickelt.

 


Mediale Elemente im mBook Gemeinsames Lernen



Ausgangslagen und Zielsetzungen des mBook Gemeinsames Lernen

Das mBook Gemeinsames Lernen hilft bei der Umsetzung von Integration und Inklusion, indem es Lernende und Lehrende technisch wie inhaltlich-didaktisch unterstützt.

Gemeinsames Lernen ist eine ständige Inklusionsaufgabe, versteht Kompetenzorientierung in pragmatischer Wendung und bezieht sich auf alle Lernenden und Lehrenden. Dazu gehören Schülerinnen und Schüler mit und ohne Migrationshintergrund aber auch Schülerinnen und Schüler mit besonderen Förderbedarfen.

Dabei orientiert sich das mBook Gemeinsames Lernen mit Blick auf das geisteswissenschaftliche Fächerspektrum an mehreren Prinzipien:

  • Konstruktivismus zur Grundlage machen: Schülerinnen und Schüler müssen die Gelegenheit haben, Informationen/Geschehnisse mit einem aktiven Prozess der Bedeutungsverleihung zu verbinden, der tatsächliche An-Eignung statt reiner Konventionsübernahme (Einpauken) ermöglicht.
  • von Lebensrelevanz ausgehen: Materialien sollen Lernenden die Gelegenheit zu einer eigenen Sinngebung eröffnen. Dazu gehört, dass diese die Möglichkeit haben müssen, ihre Erfahrungen anders zu interpretieren als Eltern, Lehrer oder Fachexperten.
  • Stimmungen und Gefühle einbeziehen: Viele Themen werden mit Videos, Animationen oder Audios umgesetzt, die neben Sachinformationen auch gesellschaftliche oder individuelle Stimmungen, innere Haltungen und Gefühle transportieren. Textquellen, zum Beispiel Liedtexte, werden in mögliche (ursprüngliche) Geschehenskontexte versetzt, etwa in Gesprächs- und Versammlungssituationen. Neben kognitiven werden damit auch emotionale und ästhetische Erkenntniszugänge eröffnet.
  • Vorstellungskraft fördern: Menschen denken ganz wesentlich in Bildern. Das mBook Gemeinsames Lernen regt daher immer wieder dazu an, aus Texten Bilder zu kreieren, Texte gewissermaßen in imaginierte, bewegliche Geschehensszenarien zu übertragen.
  • Differenzierung ermöglichen: Heterogene Gruppen mit ganz unterschiedlichen Prägungen zu gemeinsamen Lerngruppen zu formen bedeutet nicht zuletzt, dass zur Behandlung des Fachs nötige Unterrichtsmaterial in mehreren Differenzierungen anzubieten, dabei jedoch keine simple Leicht-Schwer-Zuordnung anzubieten, sondern nach fachlichen Herausforderungen zu unterscheiden und Mediengattungen (substituierend) aufeinander zu beziehen.

    Elemente für den inklusiven Unterricht (von links nach rechts): Unterrichtskästen für den inklusiven Unterricht werden mit einem rot-weißen Icon markiert. Unterschiede in den Materialien werden nach Herausforderungsdichten differenziert.¹ Hilfe gibt es u.a. bei der Bearbeitung von Fragen und Aufgaben. Alternative Materialien können Videos, Audios oder Bilder sein. Unter den Icons ist die Anzahl der genannten Elemente im mBook Gemeinsames Lernen aufgeführt.


Die Umsetzung dieser Prinzipien erfolgt auf technischer Ebene mit folgenden neu entwickelten Instrumenten:

  • Inklusionswerkzeug: Um den Umgang sowohl mit jedem Medien- als auch mit jedem methodisch-didaktischen Angebot zu unterstützen, wird ein permanent verfügbares und auf jedes Material abgestimmtes Hilfswerkzeug angeboten, an das Lernende ihre Fragen richten können (Magic Tool Bar). Es enthält Materialdifferenzierungen, alternative Medien und Aufgabenstellungen sowie methodische Hilfen und erfüllt somit wesentliche Funktionen des Scaffolding.
  • Personalisierungswerkzeug: Digitale Techniken erlauben variable Darstellungsweisen von Text und Bild zur Überwindung sinnlicher Rezeptionsbarrieren. Gleiches gilt für Sprachbarrieren, denen mit Hilfe einer automatischen Übersetzungshilfe begegnet wird.
  • Unterrichtskästen: Unterrichtende können auf umfassende Hilfen für Unterrichtsplanung und -durchführung zurückgreifen: Inhalte und Lehrermaterialien (sowohl für den Standard- als auch für den inklusiven Unterricht) sind eng miteinander verzahnt. Für die Unterrichtsgestaltung spielt zudem die in die Navigation integrierte Materialsammlung für die Unterrichtsgestaltung eine große Rolle. Sie enthält zum Beispiel nach Kapiteln geordnete Übersichten über Unterrichtskästen (Lehrermaterialien), Merkkästen, Tafelbilder und Glossare.

Unterrichtsplanungen und Lernprozesse können und müssen im inklusiven Unterricht differenziert sein, und sie müssen auch alternative Zielsetzungen ermöglichen, denn nicht immer arbeiten alle am gleichen Material, das in der gleichen Weise daherkommt, unter den gleichen Fragestellung en mit dem gleichen Ziel.

 

Inklusionswerkzeug: Hilfs-Icon zur Aktivierung der Magic Tool Bar an jedem Element des Schulbuchs

 

Am Quellenmaterial geöffnete Magic Tool Bar mit ihren Funktionalitäten.

Personalisierungswerkzeug: Schriftarten, Textgrößen und Hintergrundfarben sind variabel.

 

Personalisierungswerkzeug: automatische Übersetzung aller Textinhalte in andere Sprachen


Inklusion als Thema des Fachunterrichts

Alle Schülerinnen und Schüler sollen gerade auch im Geschichtsunterricht erfahren, dass das Zusammentreffen von Menschen unterschiedlicher Prägungen und Herkünfte nicht die Ausnahme, sondern die Realität der historischen Entwicklung der Menschheit ist.

Mit Blick auf Inklusion ist die Beobachtung wichtig, dass das Leben von Menschen in allen privaten und öffentlichen Bereichen von der Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu Gruppen geprägt ist. Diese bilden sich, haben innere Werte sowie Funktionsmechanismen. Gruppen gestalten sich zudem auch immer wieder um, lösen sich auf, ändern Zusammensetzung und Zielsetzung. Die Betrachtung von Gruppenphänomenen im Unterricht kann daher das Verhältnis von Inklusion und Exklusion als eine menschliche Grunderfahrung thematisch erfassen.

Das mBook Gemeinsames Lernen enthält daher über alle Epochen verteilt 15 zusätzliche Kapitel, die entlang des Gruppenparadigmas die Spannung zwischen Inklusion und Exklusion narrativ besonders deutlich zum Ausdruck bringen. Sie sind anhand eines spezifischen Icons schon in der Kapitelnavigation zu erkennen und zudem technisch-medial für den inklusiven Unterricht optimiert. Die Kapitel 13 und 14 greifen die Geschichte eines Teils des Nahen Ostens nach dem Ersten Weltkrieg auf, um jenen Schülerinnen und Schülern, die aus diesen Gebieten nach Deutschland gekommen sind, die Möglichkeit zur reflektierten Beschäftigung mit der ‚eigenen’ Geschichte zu geben – eine Möglichkeit, die ihnen in ihren Herkunftsländern infolge von Kriegen und Diktaturen oftmals nicht gegeben war. Zugleich können und sollen sich in diesen Kapiteln jedoch alle Lernenden einer Gruppe mit Themen auseinandersetzen, die immer wieder eine große Rolle in ihrem Unterricht spielen: hier anhand der Frage nach Staats- und Nationsbildung.

Folgende Prämissen tragen die inhaltliche Ausrichtung des mBooks Gemeinsames Lernen:

  1. Gemeinsames Lernen kann und muss ein fachliches Thema werden, um zu verhindern, dass Inklusion zu einem von Inhalten losgelösten, lediglich phasenweise verfolgten ‚Projekt’ wird.
  2. Das Fach Geschichte kann soziale Mechanismen, die für das Verständnis der gesellschaftlichen Dimension des Themas von großer Bedeutung sind, transparent und operationalisierbar machen. Ein solcher themenspezifischer Mechanismus ist der von Einschließung und Ausschließung. Die Erfahrung des Einschließens und Ausschließens lässt sich mit Jörn Rüsen – ebenso wie etwa der Zusammenhang von Macht und Ohnmacht, Armut und Reichtum oder Natur und Kultur – als “anthropologische Spannung” des Lebens verstehen, die prinzipiell zu menschlichen Gesellschaften gehört und einen großen Teil ihrer Dynamik ausmacht. Diese Spannungen sind sowohl konstanter Grundpfeiler menschlichen Denkens als auch Gestaltungsantrieb zum Umgang mit Veränderungen.²
  3. Gemeinsames Lernen ist der Versuch, eine Welt zu schaffen, in der vorurteilsbeladene Gruppenzugehörigkeiten verflüssigt werden können. Lernende müssen Inklusions- und Exklusionsphänomene reflektieren können. Das ist ein wichtiger Bestandteil von Orientierungsprozessen.

Das mBook Gemeinsames Lernen möchte einen Beitrag dazu leisten, dass Schülerinnen und Schüler ein selbstbestimmtes Leben in einer offenen und demokratischen Gesellschaft führen und womöglich lange Ketten kommunikativer Missverständnisse zwischen Menschen unterschiedlicher Fähigkeiten und Prägungen, die nicht selten in Rückzug und Ablehnung enden, verhindert oder zumindest verkürzt werden können.



Screencast mBook Gemeinsames Lernen



Alternative Zugänge und Erzählungen

Für das mBook Gemeinsames Lernen wurden alternative mediale Zugänge zu bestimmten Themen gestaltet, um eine ausschließliche Gebundenheit an Texte zu vermeiden. Zudem bietet es sehr viele Kapitelnarrationen in zwei unterschiedlichen Ausführlichkeiten an.

Die für inklusiven Unterricht optimierten, alternativen medialen Zugänge bestehen sowohl in Animationen als auch in grafischen Aufarbeitungen, bildlichen Darstellungen oder Geschichtskarten. Insbesondere die zusätzlichen Animationen greifen dabei zentrale Themen des Kapitels mit personalisierten Narrationen auf oftmals aus Sicht des Gruppenparadigmas.

Das mBook Gemeinsames Lernen weitet multiperspektivische Themenaufbereitungen und Narrativierungsmöglichkeiten deutlich aus. Das ist insbesondere für Lernende mit Migrationshintergrund von großer Bedeutung. So können sich zum Beispiel Lernende aus dem syrisch-irakischen Raum (wahrscheinlich erstmals) auf kompetenzorientierter Grundlage mit der Geschichte ihrer Herkunftsländer befassen. Die Frage von Staats- und Nationsbildung wird für alle Lernenden anhand mehrerer Beispiele aufgegriffen.

Aufgabenstellungen sind mit einer Erläuterung der Operatoren und sonstigen Fragewörter verbunden. Schülerinnen und Schüler können sich also jederzeit über das angemessene Vorgehen bei einer bestimmten Aufgabenstellung vergewissern. Viele Aufgabenkästen enthalten zudem Lösungshinweise oder Musterlösungen zu bestimmten Aufgabenstellungen.

Einbeziehung technisch-gestalterischer Hilfen

Bei den technisch-medialen Hilfen (Magic Tool Bar und Personalisierungs-Tool) geht es nicht nur um die Ermöglichung von Teilhabe durch unterstützende Maßnahmen, sondern auch darum, einen von allen Schülerinnen und Schülern gestalteten, gleichberechtigten Raum der Entwicklung zuzulassen, in den sie ihre Stärken und Schwächen, ihre Sichtweisen und Prägungen einbringen können.

Um das gemeinsame Lernen zu unterstützen, werden im mBook Gemeinsames Lernen folgende technische, barriereabsenkende Unterstützungen verwendet:

  • Zentrale Texte des mBooks (Lehrtexte, Quellen, Darstellungen) stehen als eingesprochene Audios zur Verfügung.
  • Texte werden zu großen Teilen in leichter Sprache angeboten, darunter alle Dialog- und Transparenztexte sowie ein erheblicher Teile der Autorendarstellungen.
  • Schriftgrößen und Seitenhintergrundfarben lassen sich in drei Stufen variieren. Dadurch entstehen unterschiedliche Helligkeiten und Kontraste.
  • Bei Schriftdarstellung kann zwischen einer Standarddarstellung und einer Legasthenieschrift gewechselt werden.
  • Um die Teilhabe von Schülerinnen und Schüler mit mangelnden oder fehlenden Deutschkenntnissen zu erleichtern, lassen sich alle Texte zudem über ein Übersetzungswerkzeug in andere Sprachen übertragen.

Infrastruktur zur Nutzung des mBooks Gemeinsames Lernen

Zu Beginn des Jahres 2018 werden alle Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler aller Schulformen in Nordrhein-Westfalen die Möglichkeit bekommen, das mBook für den gemeinsamen Unterricht über eine neue Distributionsplattform zu nutzen.

 


¹  Herausforderungsdichten werden im Lehrermaterial des mBooks erläutert. Siehe dazu den Unterrichtskasten “Wie macht man inklusiven Unterricht am Material? Was sind Herausforderungsdichten?” (Hinweise zum mBook).

² Jörn Rüsen, Humanism. Anthropology – Axial Ages – Modernities, in: Oliver Kozlarek, Jörn Rüsen und Ernst Wolff (Eds.), Shaping a Human World. Civilizations – Axial Times – Modernities – Humanisms, Bielefeld 2012, S. 55–79, bes. S. 65 f.

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